Mark Atkins im Gespräch mit John Rose*

Verändere es einfach!

Ich bin Mark Atkins, ursprünglich aus West Australien, Abkomme der Yamitji. Ich lebe seit 13 Jahren in einem Ort namens Tamworth. Ich spiele Didgeridoo

Du reist momentan viel herum; das ganze Land auf und ab und viel in Europa.

Ich bin gerade auf dem Weg dorthin, für zweieinhalb Monate. Ich werde dort in etwa zehn Ländern auftreten.

Wie bist du zum Didgeridoo gekommen? Hast du vorher ein anderes Instrument gespielt?

Ich war zunächst Schlagzeuger, habe Continental gespielt und natürlich Country, Rock'n'Roll und ein wenig Big Band. Wir sind durch ganz West Australien gezogen. Ich habe in Pubs gespielt, als ich ungefähr vierzehn war. Ich habe auch Rythmusgitarre gespielt und etwas gesungen.

Die Leute sagen, ich hätte einen besonderen Didge-Stil und den habe ich tatsächlich. Ich glaube, die Grundlage liegt zum Teil in meinen Schlagzeugertagen und zum Teil in dem traditionellen Spiel, das ich von meinem Onkel Nanyura Watiri gelernt habe. Er war aus der Gegend von Murchison, aus dem Volk meiner Mutter. Bei Mount Magnet gibt es eine grosse Gruppe von Yamitji. Ich bin vom Stamm der Widi. Auf der Beerdigung einer meiner Tanten spielte er Didgeridoo und tanzte. Ich muss so um zwanzig gewesen sein. Er kannte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht, obwohl er wusste, dass wir verwandt waren. Er kam an mir vorbei, sah mich an und sagte: "Hier Mark, spiel das!" und ich sagte: "Nein, Nein. Ich kann das nicht spielen." Er hat dann weiter auf mich eingeredet: "Blas einfach rein, Junge." und das habe ich dann gemacht. Als er schließlich mit dem Singen und Tanzen fertig war, hatte ich auch den ersten Ton herausbekommen. Das war meine erste praktische Erfahrung.

Du bist spät zum Didgeridoo gekommen.

Sehr spät. Die Leute denken, dass ich spiele seit ich klein bin. Das ist sehr freundlich.

Und dann? War es sehr intensiv? Hast du dich hingesetzt und geübt?

Ja, ich wollte wie mein Onkel sein. Aber es war so schwer, den traditionellen Spielstil zu lernen. Man muss einfach da sein. Es hätte länger gedauert, den traditionellen Stil und die ganzen Tricks zu lernen. Das ist wie eine vierzigjährige Lehre. Und ich habe nicht gedacht, dass ich soviel Zeit habe. Nun hatte ich also die Erlaubnis, viele dieser Stücke zu spielen und fragte ihn: "Was kann ich tun?" und er schlug vor: "Verändere es einfach!"

Das ist eine ziemlich radikale Aussage. Wir sprechen immerhin über eine sehr wichtige mündliche Kultur.

Das war wirklich gut. Das hat viel geholfen. Viele Leute fragen, wie die Yamitji das empfinden, was ich mit dem Didge mache. Es ist noch nicht lange her, da wurde ich als Special Guest zu einem Yamitji Festival in West Australien eingeladen und ich bin von den jungen Leuten anerkannt worden. Ich fühlte mich viel besser, als sie zu mir aufblickten und stolz von mir sprachen.

Kann man sagen, dass du die Musikkultur verändert hast?

Dafür bin ich bekannt. Es gibt andere gute Spieler, einige wirklich gute, aber ich bin dafür bekannt, das Didgeridoo aus dem traditionellen Zusammenhang heraus, ins Hier und Jetzt, in den Mainstream, auf die Hauptsendeplätze, auf einen größeren Markt zu bringen. Es aus der Schublade - du bist ein Schwarzer und sitzt da - herauszuholen und anerkannt zu machen.

Du vermischst viele Rhytmuswechsel. Spielt dadas Schlagzeug rein?

Das hat geholfen

Das ist nich Teil des traditionellen Repertoires, oder?

Nein.

Du bringst das Didgeridoo voran. Die Rhythmen kommen aus der ganzen Welt, einige aus Osteuropa zum Beispiel. Das ist eine fantastische Verschmelzung von Stilen.

Schlagzeug spielen, mit anderen Musikern arbeiten, ihnen zuzuhören, wenn ich ein anderes Instrument spiele. Ich höre zunächst nicht so sehr zu um da hineinzupassen, sondern vielmehr um es zu ergänzen, ein Gegenstück zu setzen. Durch dieses Gefühl kann ich mit vielen Musikern aus allen Lebenslagen zusammenarbeiten.

Die Leute fragen mich, wie ich zirkular atme und ich sage : "Das tue ich nicht." und sie sagen: "Aber du hörst nicht auf." Das ist die 'Nicht-Aufhören-Technik'. Wenn du in den Oxford Dictionary siehst, steht dort, das Didgeridoo ist ein eintöniges Instrument. Für mich ist es das nicht. Man kann in es hineinsummen, durch es sprechen, es perkussiv oder vokal spielen. Ich kann vor anderen Instrumenten spielen, dahinter oder darüber oder komplett durch das ganze Didgeridoo. Ich spiele seit 25 Jahren und ich lerne immer noch dazu.

Ich habe noch nie jemanden mehr als einen Trompetenton auf dem Didge spielen hören. Du spielst am Ende deines Stückes gleich einen Dreiklang.

DAs ist eines meiner Markenzeichen. Inzwischen, gibt es einige, die das spielen können, weil ich es ihnen beibringe und die kleinen Tricks verrate.

So gesehen ist das Didgeridoo wie eine Trompete ohne Ventile?

Auf dem Didge, was ich vorher hatte, konnte ich fünf Trompetentöne spielen. Auf diesem vier.

Und wie ist es mit der Länge?

In neun von zehn Fällen bestimmt die Länge die Tonlage, aber es kann auch halb so groß sein, denn es kommt auf die Luftsäule im Didge an und es hängt auch davon ab, welchen Stil man spielt. Wenn ich schnell spiele, möchte ich eine glattere Bohrung haben. Wenn man ein Didgeridoo mit Biegungen hat, dort wo die Äste herauskamen, mit all diesen kleinen Taschen, dann kann man sehr tief gehen und hat Zeit mehrere Sachen übereinanderzulegen. Die Taschen machen den Gegendruck aus.

Wieviele Didgeridoos nimmst du mit auf Tournee?

Vier - F, C, D und E. Aus den meisten hole ich zwei Harmonien heraus. Aus dem C und D vier. Wahrscheinlich könnte ich mehr herausholen, weil sie tiefer gehen. Wenn ich mit Musikern arbeite, die in anderen Tonlagen spielen, muss ich häufig mein Instrument nicht wechseln, weil ich eine andere Tonlage aus meinem Instrument herausholen kann. Klappt das nicht, kann ich mehr in die Geräusche gehen und weniger in die Tonlage. Und dann macht es mir auch Spass mit dem Slide-Didge oder einem Didgebone* zu spielen. Charlie McMahon baut die. Er war auch einer der Leute die mich inspiriert haben zu spielen. Es gibt einen Film, Kanaroo Jack, auf dem wir einen Track haben wo er ein Slidebone spielt. Wir arbeiten gelegentlich auch in Europa zusammen.

Suchst du dir ab und zu selber einen Baum?

Ja. Man kann das nie so genau sagen, aber man hat eine grobe Vorstellung. Ich suche nach Taschen. Ich hasse es, wenn ich in den Busch gehe und denke, na, den lass ich noch mal 6 Monate stehen und dann kommt man wieder und jemand anderees war schon da. Ja, aber ich hole sie. Einige mit Windungen und einige gerade.

Machst du Wachs auf's Mundstück?

Die meisten von mir sind ohne Wachs.

Wie ist das mit dem Halten? Manchmal sitzt du und manchmal stehst du.

Bei Aufnahmen laufe ich meeistens herum und suche mir einen Platz, wo ich das Gefühl habe, der ist richtig für mich, nicht für den Toningenieur. Ich mag es, wenn die Atemgeräusche mit aufgenommen werden. Manchmal wollen sie die rausnehmen, aber ich mag das. Das Didgeridoo ist ein körperliches Instrument. Da passieren eine Menge Dinge da unten.

Ich habe einmal auf einer Chirurgenkonferenz gespielt. Da waren eine Menge Wissenschaftler und ich saß hinten zum Warmspielen. Ich setzte mich hin und spielte nur einen Grundton und dann hörte ich die Veranstalterin sagen: "Oh nein, das ist doch nicht etwa der Didgeridoo-Spieler?" "Doch!" Und ich machte weiter, spielte diesen Grundton, nichts als den Grundto, hustete, rauchte eine Zigarette und dann: "Kommen Sie Mr. Atkins!" Ich ging auf die Bühne und spielte einen vollen 20 Minuten Song und sie war die erste, die hoch kam, um mir die Hände zu schütteln. Sie dachte wohl, ich würde rauskommen und husten, spucken und nur herumbrummen.

Du machst also keine Zirkularatmung im gängigen Sinne?

Es ist wie Schnarchen. Rülpsen und Husten sind auch schlecht für Didgeridoo-Spieler. Ich hatte so oft einen Husten und alles wäre damit vorbei gewesen. Was ich dann getan habe, war den Husten zu bändigen, ihn zu nutzen. Jetzt huste ich im Rhythmus. Wenn ich nach einem sprudelnden Drink rülpsen muss, kiechern oder lachen, dann muss ich das auch ins Dudge tun. Ich nehme hiervon ein Stück und davon ein Stück und baue es ein. Ich benutze eine Technik, 'bouncing the cheeks', da bin ich immer am drücken. Ich benutze meinen Kiefer. Das git mir einen anderen Sound. Es ist eine Kombination ausWangen, Kiefer und Zwerchfell, wie Schnarchen. Ich bin auch ein starker Schnarcher. Ich öffne den hinteren Teil des Rachens und dann hat man die Wangen und damit schafft man ein natürliches Vakuum. Die meisten Spieler haben einoder zwei Atemtechniken. Ich nutze drei oder vier. Ich muss die komplette Kontrolle über mein Instrument haben. Ich spreche zu ihm und es antwortet mir.

Arbeitest du noch an neuen Techniken?

Oh ja, da wird eine Menge verücktes und wundervolles Zeug kommen. Das ist für mich auch kreative Arbeit. Solange ich noch atmen kann, werde ich nach neuen Sachen suchen. Ich würde gerne mit einigen jungen Leuten arbeiten. Ich habe 20 oder 30 Schüler aus Übersee bei mir. Ich möchte gerne fünf Wochen Kurse in verschiedenen Schulen machen. Ich bin das Reisen müde.

Hast du jemals Sänger unterrichtet?

Nein, aber ich baue ein Gerät, an dem sie interessiert sind. Es ist ein visuelles Meßgerät für zyklisches Atmen mit einigen Kleinigkeiten. Ich habe viel mit Windinstrument-Spielern gearbeitet, ob im Jazz oder wo auch immer. Die wollen wissen, wie man zyklisch atmet. Louis Armstrong ist 1958 nach Australien gekommen, hat sich zu den Alten gesetzt und gelernt, wie man Didgeridoo spielt. "Ich bin froh, dass ich Didgeridoo gespielt habe, denn es hat einen besseren Trompeter aus mir gemacht." hat er gesagt. Zirkular und zyklisch zu atmen sind zwei verschiedene Dinge - das Drücken und Aufblasen, der offene Rachen sind mehr zirkular. Der Zyklus ist für mich mehr eine Bewegung; die Wangen, das Fallenlassen des Kiefers und rein durch die Nase. Zirkularatmung ist abgebrochen, wie Schnarchen. Ich unterrichte das Atmen wie die alten Glasbläser.

Ich frage mich, ob professionelle Sänger, ja sogar Opernsänger, von dir lernen sollen?

Diese Leute machen Yoga. Ich kann nicht mal so atmen, wie einige von den Alten das machen. Das ist eine andere Technik. Sie haben fünf verschiedene Wege und keiner der Jungen kann verstehen, was sie machen. Ich überlege, selbst noch einmal hinzugehen. Einfach mit ihnen sitzen und studieren, aber das braucht so viel Zeit. Die können ihren Puls so weit reduzieren um für eine lange Zeit zu spielen. Andere wären tot. Es ist wie Trance.

Eine fantastische Vorstellungdie lineare Zeit zu überwinden. Diese Alten von denen du sprichst, haben sie Worte um diese Techniken zu beschreiben? Sprichst du selbst eine Aborgiginal-Sprache?

Es gibt einige Worte. Wo ich herkomme, nennen wir den Atem 'Wonga' und wenn ich das richtig erinnere, haben sie mir geagt, das Wort Didgeridoo stammt aus dem Gaelischen.

In vielen Sprachen der Aboriginals werden Sachen wiederholt und sie hören sich so musikalisch an. Wieviel aus deinem Stamm fließt in dein Didgeridoo-Spiel ein? Möchtest du mehr von deiner Sprache lernen?

Es sind drei verschiedenen Gruppen übrig, die die traditionelle Sprache sprechen. Ein paar hundert. Ich kann die alten Leute am besten verstehen, weil die auch Zeichensprache benutzen. Ja, ich werde zurückgehen und die Sprache lernen.

Wenn ich mit Schülern in Europa arbeite, kriegen die den Klang nicht hin. Ich muss Ihnen beibringen richtig zu sprechen. Viele Aboriginals sprechen mit der Zunge nach oben. Ich musste Phrasen schaffen, damit sie den gleichen Klang herausbringen wie oben in Arnhemland, wo sie einen bestimmten Klang beim reden haben. Dabei durfte ich ihnen bestimmte Melodien nicht beibringen, aber ähnliche Phrasen in English wie "I didn't look, I didn't look, I didn't look, I didn't look." kann ich ihnen beibringen. Es gibt in Europa auch viele Leute, die das traditionelle Spiel lernen wollen. Denen muss ich dann sagen: "Das kannst Du, aber ich kann es dir nicht beibringen. Da muss du dich mit den Alten zusemmensetzen und lernen, wie sie zu sprechen." Im Grunde gibt es fünf verschiedene Stile und ich will so viel wie möglich von jedem Ort mitnehmen, damit ich es an die Jüngeren weitergeben kann.

*hierbei handelt es sich um die freie deutsche Übersetzung eines Interviews von John Rose mit Mark Atkins, dass 2005 anläßlich der Einrichtung einer interaktiven Internetseite geführt wurde, aus der später das Projekt 'Pannikin' hervorging. Das Original-Interview in englischer Sprache gibt es hier nachzulesen.

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